Wer war Werner Janensch?

Tendaguru“ (steiler Berg) hieß die Expedition, die an dem gleichnamigen afrikanischen Hügel im heutigen Tansania vor gut 100 Jahren eine der weltweit größten fossilen Schätze hob und so zu den erfolgreichsten paläontologischen Grabungen aller Zeiten wurde. Der in Herzberg geborene Werner Janensch leitete die von 1909 bis 1913 dauernde Expedition, welche 150 Millionen Jahre alte Dinosauriererknochen in einer bis dahin nicht vergleichbaren Qualität und Fülle fand. Bis heute liegen Teile der Funde, einige sogar noch ungeöffnet, in den „Schatzkammern“ der Wissenschaftler von Berlin, London, Los Angeles und New York. Ohne diese Expedition hätten wir wohl auf den atemberaubenden Anblick des rund 13 Meter hohen Brachiosaurus brancai, des größten weltweit ausgestellten Dinosaurier, im Berliner Naturkundemuseums verzichten müssen. Aber mal von Anfang an …

Auf der Suche nach Granat

Eigentlich war Bergbauingenieur Bernhard Sattler 1907 auf der Suche nach Granat für die deutsche Granatenproduktion in Deutsch-Ostafrika. Am Fuße des Tendaguru-Hügels, 60 Kilometer von der Stadt Lindi entfernt, stieß er dabei auf große fossile Knochen und leitete diese Informationen weiter. Der Stuttgarter Paläontologe Eberhard Fraas identifizierte dann erste Skelettreste als Dinosaurierknochen und brachte diese nach Deutschland. Wilhelm von Branca, Direktor des Geologisch-Paläontologischen Instituts und Museums der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin, organisierte daraufhin 1909 eine Expedition, die meist aus privaten Spenden finanziert wurde. Kaiser Wilhelm II. übertrug höchstpersönlich Werner Janensch die Leitung der Expedition.

Bis zu 900 Menschen im Expeditionscamp

Werner Janensch und afrikanische Helfer präsentierten sich stolz mit Saurierknochen vor der Kamera.

Der logistische Aufwand des vier Jahre dauernden „Mammutprojektes“ war enorm, denn das Expeditionsgebiet hatte eine Ausdehnung von 100 Kilometer Länge und 10 Kilometer Breite. Darum hatte Janensch die stattliche Zahl von 500 afrikanischen Helfern angeworben, welche zusammen mit ihren Familien auf bis zu 900 Menschen im Expeditionscamp anwuchs. Drei jeweils durch Meeresablagerungen getrennten Saurier-Schichten enthielten Knochen von riesigen pflanzenfressenden Sauropoden (Echsenfüßer), von Ornithischiern (Vogelbeckensauriern) und von Raubsauriern (Theropoden). Jeder Fund wurde von Werner Janensch in genauen geologischen Karten eingetragen, zum Teil sogar an Ort und Stelle abgezeichnet und koloriert.

Alle Funde wurden liebevoll verpackt: die großen in Kisten und Bambustrommeln, die kleinen in Fruchtschalen oder in leergegessenen Konservendosen. Viele Knochen wurden zusätzlich in Gips und Lehm konserviert, was das Gewicht noch mehr erschwerte. Der Transport erfolgte überwiegend zu Fuß. Und vom Tendaguru bis zur Hafenstadt Lindi waren dafür zwei, bei schlechten Wetter sogar fünf Tage nötig. Etwa 5 000 Lasten mit einem Gesamtgewicht von 250 Tonnen sind so nach Berlin gelangt.

Mehr als acht neue Saurierarten

In Berlin sind die versteinerten Knochen in langjähriger Arbeit von Janensch und seinen Forscherkollegen präpariert und untersucht worden. Da vieles vorher einfach nicht bekannt war, konnte erst 1937 das Brachiosaurus-Skelett endgültig aufgestellt werden. Und der in der Wissenschaft heute dafür geläufige Name „Brachiosaurus brancai“ stammt von Janensch selbst. Da die vorderen Beine des Sauriers länger waren als seine Hinterbeine, nannte er die Gattung „Arm-Echse“, auf griechisch: „Brachiosaurus“. Mit dem Zusatz „brancai“ wollte er seinem damaligen Chef, Wilhelm von Branca, Respekt zollen. Insgesamt entdeckte das Janensch-Team mehr als acht neue Saurierarten und rekonstruierte fünf prachtvoll erhaltene Skelette im Lichthof des Naturkundemuseums. In den Jahren 1914 bis 1961 verfasste er viele Monografien zum Thema. Die durch große Sorgfalt und Zuverlässigkeit ausgezeichneten Publikationen haben viel zum Ansehen der deutschen Wirbeltierpaläontologie beigetragen. Herzberg kann gar nicht stolz genug darauf sein, dass Werner Janensch hier geboren wurde. Er war neben Friedrich Freiherr von Huene einer der größten Dinosaurierforscher weltweit.

Vita - Werner Ernst Martin Janensch

Werner Ernst Martin Janensch wurde am 10. November 1878 in der Herzberger Kirchstraße 5 geboren und besuchte in Herzberg noch die 2. Klasse, bevor sein Vater Emil Janensch, ein königlicher Kreisrichter, versetzt wurde. Janensch studierte in Marburg sowie Straßburg Geologie und Paläontologie und promovierte 1901 in Straßburg. Er war 1901-07 Assistent, 1907-50 Kustos und ab 1912 Professor am Geologisch-Paläontologischen Institut und Museum der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin. 1909 bis 1912 leitete Janensch die von Wilhelm von Branca organisierte Tendaguru-Expedition im damaligen Deutsch-Ostafrika (Tansania), die der Bergung oberjurassischer Saurier galt. Die Präparation der Funde und ihre wissenschaftliche Bearbeitung dauerten mehrere Jahrzehnte und fanden 1961 mit seiner letzten Veröffentlichung ihren Abschluss.

Als Person war Werner Janensch recht zurückhaltend. Er wird als mittelgroßer, schlanker und äußerst bescheidener Mann beschrieben, der sehr wenig und sehr sorgfältig sprach. Werner Janensch starb am 29. Oktober 1969 in Berlin-Frohnau. Er hinterließ seine 1920 geehelichte Frau Paula, geb. Henneberg. Die Ehe blieb kinderlos.